U 26 läßt grüßen

BERICHT EINER STIPPVISITE IN ECKERNFÖRDE

In den schmalen Gängen herrscht Hochbetrieb: "Hinten oben zehn" ruft es aus der einen Ecke, "Schotten klar" aus einer anderen. Der Radarschirm piepst unermüdlich vor sich hin, peilt die Position von vorüberfahrenden Schiffen. In der Kombüse kocht der Smutje einen kräftigen Eintopf, im Maschinenraum werden die Dieselmotoren kontroIliert. Es herrscht eine bedrückende Enge in dem knapp 50 Meter langen U-Boot, doch für die 22 Mann Besatzung der U 26 scheint Platzangst ein Fremdwort zu sein.

Was für eine Landratte fast unvorstellbar ist, funktioniert hier nahezu perfekt. Das Zusammenleben auf engstem Raum wird möglich und das - so war zumindest der Eindruck den die Neustadter Delegation bei ihrem Besuch an Ostern in Eckernförde gewann - ohne größere Komplikationen. Grund hierfür ist vielleicht auch das für Bundeswehrverhältnisse relativ lockere Verhältnis zwischen Vorgesetztem und Mannschaft. Nicht dass die Disziplin zu wünschen übrig lassen würde, aber auf so beschränktem Raum kann es sich nunmal keiner leisten aus der Reihe zu tanzen oder den "großen Mann" zu markieren. Jeder ist auf den anderen angewiesen und das fördert die Gemeinschaft. Schon der kleinste Fehler eines Maat kann zu grossen Komplikationen führen. Daher ist das A und 0 auch der Zusammenhalt. Das Neustadter Paten-U-Boot feiert dieses Jahr seine 15jährige Indienststellung. Seit 1975 steht die U 26 auch in einem Patenschaftsverhältnis mit Neustadt - damals von Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Brix ins Leben gerufen. Zur grossen Jubiläumsfeier Ende März hatte der Kapitänleutnant Michael Gemein eine Neustadter Delegation nach Eckernförde eingeladen. Drei Tage lang ließen sich die Landratten in die Geschichte und mitunter auch feuchtfröhliche "Seesprache" der Mannschaft einweisen. Die exakt 48,6 Meter lange und 4,6 Meter breite Tauchröhre hat bereits einige Seemeilen auf dem Buckel. Fast 95000 Seemeilen hat die U 26 in 1206 Tagen zurückgelegt. Neun Kapitäne haben bereits von der Kommandobrücke aus ihre Befehle ins Bordinnere gefunkt und etliche Unteroffiziere sind seit der Indienststellung gekommen und gegangen, Norwegen und England standen unter anderem auf dem Fahrplan. Für die Mannschaft ist das Leben auf und unter Wasser gerade bei längeren "Ausflügen" eine extrem körperliche und auch seelische Belastung. Denn auf See arbeiten die Matrosen im Vier-Stunden-Takt: Vier Stunden Radarschirme kontrollieren, Fahrroute überprüfen, Fluten und Lenzen, danach für vier Stunden in die Koje bis das ganze Spiel wieder von vorne beginnt. So richtig ausschlafen kann sich da keiner. In den freien vier Stunden muß schließlich noch gegessen werden, der winzig kleine Spind in Ordnung gebracht und - angesichts des häufigen Umgangs mit schmierigen Schrauben und Winden - auch mal in der (einzigen!) Dusche an Bord der Körperhygiene nachgegangen werden.

Die zwei Schichten (die Hälfte der Mannschaft schläft, während die anderen elf arbeiten) sind schon allein deswegen von Nöten, weil nicht genügend Kojen vorhanden sind. Die gerade mal 40 Zentimeter breiten und (für viele Männer mit 1,80 Meter Länge viel zu kurzen) Betten müssen also geteilt werden. Immerhin liefern die mangelnden Schlafmöglichkeiten eine Garantie dafür, daß keiner zu spät auf seinen Posten kommt. Denn der „Schlafberechtigte" wird rechtzeitig dafür sorgen, daß seine Koje frei ist, wenn die Schicht zu Ende geht. Allerdings sind die Matrosen nur auf See solch harten Bedingungen ausgesetzt. Liegt das U-Boot in seinem Heimathafen Eckernförde übernachtet die Mannschaft in den Kasernen des Marinestützpunktes. Interessant sind auch die Begründungen der jungen Männer warum sie ausgerechnet einer der anstrengendsten Ausbildungszweige der Bundeswehr gewählt haben. Für die meist Anfang 20jährigen steht nicht selten die Abenteuerlust im Vordergrund. Aber auch die Heuer spielt eine entscheidende Rolle, da die Marine oft ein größeres Taschengeld zahlt, als beispielsweise Pioniere erhalten. Wer auf ein U-Boot möchte, muß sich mindestens für zwei Jahre verpflichten, ansonsten rentiert sich die teure Ausbildung nicht. Viele nutzen die Chance und studieren bei der Bundeswehr, wie beispielsweise "Kaleu" Gemein, der sich für 12 Jahre verpflichtet hat und nebenbei sein wirtschaftliches Studium abschließt. Die Patenschaft mit Neustadt ist für die gesamte Mannschaft ein willkommener Anlaß dem „Seealltag" zu entfliehen. Die Besuche in der Pfalz finden die jungen Männer immer wieder toll. Gründe hierfür, so erzählt ein Mannschaftsmitglied, seien nicht nur der gute Wein und die Winzerfeste, sondern auch die Möglichkeit neue Freundschaften zu schließen, vor allem mit dem weiblichen Geschlecht: „Bei uns hier oben im Norden dreht sich keine Frau mehr nach einer schicken Marineuniform um. Ganz anders in Neustadt. Da sind die Mädels immer ganz hin und weg wie wir rumlaufen und das steigert die Chancen ganz erheblich."

BIRGIT GEIGER


Ausgesprochen herzlich ist die Verbindung zwischen der Besatzung von U 26
und der Stadt Neustadt über so manchen Kommandowechsel hinweg.

Quelle: Neustadt Journal 9/1990