Anekdoten aus der Eingemeindungszeit

Woisträßler, Feucht-Fröhliche Neustadter, Singende Elf und Trachtengruppe machen Haiselscher auf


Es geht rund im Weindorf-Karree am Bahnhofsvorplatz: Die Haiselscher sind seit Samstag geöffnet. Gleich am ersten Abend kreisten die Schoppen inmitten der dichten Menschen-Trauben.

Zu einem spritzigen Lehrstück über die dornenreichen Wege zur Eingemeindung wurde der Weinhäuschen-Eröffnungsabend bei den Woistraßlern am Freitagabend dank des wortreichen Zusammenspiels der Vertreter der neun Ortsteile und des damaligen „Obereingemeinders" Dr. Wolfgang Brix. Unter dem Motto „20 Jahre Woisträßler - 20 Jahre Eingemeindung: Ein Weinspaziergang durch unsere Ortsteile" stellten die Ortsvorsteher oder ihre Vertreter einen typischen Wein ihres Ortsteils vor und gaben mehr oder weniger erfreuliche Anekdoten aus der Eingemeindungszeit zum besten.
Der Zufall wollte es, daß mit Königsbach auch der Ortsteil vorgestellt wurde, der, so Ex-OB Brix, sich als erster landesweit freiwillig zur Eingemeindung bereit erklärt hat. Ortsvorsteher Dieter Eckel erzählte, daß der Königsbacher „Feuerteufel", der die häufige Nachbarschaftshilfe der Neustadter Feuerwehr nötig machte, einen nicht geringen Einfluß auf die schnelle Zusage gehabt hat. Für Geinsheim berichtete Brix selbst, da Ortsvorsteher Alfred Dörr seinen 60. Geburtstag feierte. Auch hier war der Weg nach Neustadt leicht, unternahm doch sogar eine Delegation aus Geinsheim einen Vorstoß beim damaligen Ministerpräsidenten Helmut Kohl, um die Eingemeindung zu erreichen. Damit geriet Lachen-Speyerdorf, das sich, wie Ortsvorsteher Günther Freytag berichtete, vehement gegen die Eingemeindung wehrte, in die Zange und wurde trotz Klage beim Verwaltungsgericht und 93,6 Prozent Ablehnung in der Bevölkerung vereinnahmt. Aber selbst hier geschah dem Oberbürgermeister nichts so Schreckliches wie in Hambach: Dort ließ man ihn während der Eingemeindungsverhandlung auf dem Trockenen sitzen, es gab keinen Wein und nicht einmal Wasser. Der jetzige Ortsvorsteher Benno Zech und der damalige Hambacher Bürgermeister Georg Jungmann konterten damit, daß sie damals hätten nüchtern bleiben wollen, um nicht vom trinkfesten OB einen schlechten Eingemeindungsvertrag diktiert zu bekommen. Fritz Wiedemann vertrat den Ortsteil Mußbach mit gereimten Kommentaren zur Eingemeindung. Franz Syring-Lingenfelder beklagte, daß es Duttweiler nach der Eingemeindung etwas schlechter gehe als zuvor, nachdem es der Gesamtstadt eben nicht so gut geht, wie es der selbständigen Gemeinde vorher ging. Gerhard Deidesheimer (Haardt) und Jürgen Buttmann (Gimmeldingen) ließen nicht unerwähnt, daß. die Liebe ihrer Ortsteile nicht unbedingt Neustadt galt. Aber der Druck aus Königsbach, wo der Protestant Brix sich nicht gescheut habe, mit Nonnen und Priestern zu „konspirieren", sei zu stark gewesen. Auch für Diedesfeld hatte Brix ein Lockmittel, die Angliederung an die Mittelhaardt, wie er Ortsvorsteher Karl Ullrich nachwies. Woisträßler-Vorsitzender Harald Ehresmann umrahmte die „Streitgespräche" und die Weinprobe mit Mundartversen.
Eine kleine Modernisierung im Wirtschaftsbetrieb des FFN-Häuschens kündigte Präsident Alfred Schilling am Freitagabend vor Mitgliedern und Gästen im Weinkeller in der Fröbelstraße an. Um einen engeren Kontakt zwischen Theke und Publikum bemüht, gehen die Feucht-Fröhlichen zur Selbstbedienung über. Angesprochen ist vor allem die jüngere Generation. Die älteren Semester werden auch weiterhin bedient. Alfred Schilling umriß in seiner Ansprache kurz das Ziel der FFN: Die Partnerschaftspflege. Mittlerweile seien nicht nur die Beziehungen zu Lincoln prächtig gediehen, sondern auch zu Neustadt in Holstein, wo man auf dem dortigen Altstadtfest Pfälzer Wein angeboten habe. Für zehnjährige aktive Tätigkeit zeichnete Schilling die Mitglieder Klaus Pankalla, Erich Burger und Artur Müller mit der goldenen FFN-Nadel aus. Zuvor hatte Bürgermeister Jungmann das erste Faß Neuen angestochen: Einen Müller-Thurgau.
Erneut erwiesen sich die Mitglieder der „Singenden Elf als Fachmänner pfälzischer Lebensart. Die Karnevalisten feierten am Freitagabend die Eröffnung der „Haiselscher". Im Mittelpunkt stand dabei wieder eine Weinprobe. Die elf vorgestellten Weine standen diesmal unter dem Motto „Silvaner und Silvanerfamilie". Probensprecher Dr. Karl Adams versprach den Gästen der „Singenden Elf", daß die diesjährige Ernte einen Wein von sehr guter Qualität hervorbringen werde. Allerdings werde aufgrund der Mengenregulierung der Verbraucher auch zwanzig oder dreißig Pfennige mehr fürs Viertel zahlen müssen. Während der Probe zeigten Mitglieder der „Singenden Elf" mehrmals ihre humoristische und sängerische Klasse. Karnevalistisches trug auch Ronnie Müller als Metzgermeister bei, der wohl seine Büttenrede für die nächste Kampagne ausprobierte. Er verkauft seine Wurst an viele prominente Politiker, darunter auch an Heinrich Lummer, der seine Wurst immer am Stück kauft, „da er selbst ein sehr guter Aufschneider ist".
Mit einem kalten und warmen Pfälzer Büffet und der Probe der Ausschankweine bedankte sich die Trachtengruppe Neustadt am Vorabend der Eröffnung ihres Weinhäuschens bei allen Helfern während der Vorbereitungsarbeiten und beim Betrieb der beiden Häuser. Der erste Vorsitzende Wilhelm Centner lobte die fleißigste Helferin beim Häuschenbau, Helena Galanopoulos, und den fleißigsten Helfer, Peter Arnheiter, ebenso für ihren Einsatz beim Streichen der beiden Häuser Manfred Sauter und Eugen Watier. Bei Christa Müller, Annchen Müller, Christel Zinkgraf, Diana Melzer, Yvonne Scholz und Elke Centner, die für das leibliche Wohl sorgten, zeigte sich Centner als Rosenkavalier.    krl/se/koc

Quelle: Rheinpfalz vom 25.09.1989
Foto: Franck